Porcia / Portia – Rezeption einer Frauengestalt

Porcia oder Portia, wie es auch geschrieben wird, ist ein klangvoller, anheimelnd wirkender Name. Aber tatsächlich ist es die weibliche Form eines Familiennamens. Die Römer hatten die Angewohnheit, ihren Töchtern lediglich den Geschlechtsnamen weiblich angepasst zu geben, in diesem Fall Porcia in der Familie der Porcier. Ähnlich herzlich wäre es, wenn ein Herr Müller seine Tochter die Müllerin nennt, und wenn er denn eine zweite Tochter hätte, diese die jüngere Müllerin zur Unterscheidung von ihrer Schwester, der älteren Müllerin.

In der Familie der Porcier gab es daher mehrer Porcias. Viele sind vergessen. In der Literatur erwähnt und daher erinnert ist Porcia, die Schwester des Cato Uticensis, verheiratet mit L.Domitian Ahenobarbus, einem Cäsar Gegner, der bei Pharsalus starb. Dann kennen wir noch die Töchter des Cato Uticensis, die ältere und die jüngere Porcia. Diese, die Frau des Brutus’ ist die bekannteste.

Porcia in den herkömmlichen Quellen    

Circa 150 Jahre nach ihrem Tod zeichnet Plutarch in seiner Biographie des Brutus ein anrührendes Bild von ihr. Als junge Witwe und Mutter eines kleinen Sohnes heiratet sie Brutus. Das Verhältnis zwischen den Gatten schildert Plutarch als eng und vertraut. Sie bemerkt die Unruhe ihres Gatten und bringt ihn dazu, sie in das geplante Attentat auf Cäsar einzuweihen. Sie lebt stark mit den Ereignissen mit, fällt in Ohnmacht, ist dem Tode nah.Später begleitet sie ihren Gatten , der sich nach Athen begibt, bis an die Italienische Küste. Brutus betrachtet sie nicht nur als liebevolle Gattin, sondern als gleichberechtigte, politische Partnerin. ‚Mit ihrem Geist kämpft sie für das Vaterland wie wir’, schreibt ihr Sohn Bibulus in einem kleinen Büchlein zu ihrem  Gedächtnis.

Nach des Brutus Tod habe sie sich umgebracht, indem sie glühende Kohlen in den Mund nahm.  Plutarch schreibt aber auch, dass sie möglicherweise bereits zu Brutus’ Lebzeiten schwer erkrankt und daher lebensmüde gewesen sei. Valerius Maximus schildert schon früher, zur Regierungszeit des Tiberius im Kapitel (4,6,5) seiner ’facta et dicta memorabilia’ die Geschichte mit den glühenden Kohlen als Beispiel für Gattenliebe. Etwa 100 Jahre später nimmt Cassius Dio die beiden heroischen Erzählungen in seine Römische Geschichte auf.

Einige gegensätzliche Eindrücke    

Aber auch einige zeitnahe Überlieferungen haben sich erhalten, die das anrührende und heroische Bild relativieren. Brutus (85 v.Chr. geb., 43 gest.) ist bei seiner Eheschließung mit Porcia (seine zweite Ehe) 40 Jahre, Porcia 30 Jahre alt. Lange dauerte diese Ehe nicht. Schon im August 44 trennt sich das Paar in Unteritalien, um sich nie wieder zu sehen. 

Trotzdem kann es eine Neigungsehe sein. Aber zu bedenken ist folgendes: wie persönlich faszinierend Porcia auch immer sein mag, vor allem ist sie die Tochter des Cato Uticensis und damit prominentes Mitglied einer gegen Cäsar gestellten Familie. Brutus hingegen hat sich wenige Tage vor der Eheschließung von seiner Gattin Claudia scheiden lassen. Auch diese seine erste Frau stammt aus einer politisch gewichtigen Familie. Ihr Vater Appius Claudius war prominenter Anhänger des Pompeius, ihre Schwester war mit einem Sohn des Pompeius verheiratet. Pompeius hatte den Kampf mit Cäsar verloren und war 48 v.Chr. ermordet worden. Auch der Vater der Claudia war tot. Die Verbindung mit dieser Frau bot Brutus also keinen Vorteil mehr. Er blieb zwar im Anti-Caesar-Lager, knüpfte aber durch die Ehe mit Porcia Verbindungen zu einer anderen Gruppierung.

Seine Mutter Servilia war gegen die Verbindung. Servilia war eine außergewöhnlich aktive Frau. Cicero erwähnt sie mehrfach in seinen Briefen an Atticus im Zusammenhang mit der Wiederverheiratung einer Tochter Tullia. Aber auch politische Möglichkeiten hatte sie. Im Jahre 44 schreibt Cicero an Atticus:’ Servilia versprach, dafür zu sorgen, dass der Auftrag zur Getreidebeschaffung aus dem Senatsbeschluss gestrichen wird’. Dazu bedarf es einigen Einflusses. Aber auch auf ihren Sohn Brutus übt sie großen Einfluss aus. Cicero kommentiert gegenüber Atticus: ‚er (Brutus) lässt sich von seiner Mutter beraten, wohl auch durch ihre Bitten bestimmen’.

Da ist es bedenklich, dass sie sich mit der neuen Schwiegertochter nicht anfreunden kann. Cicero (und wohl ganz Rom) entgeht das nicht. Er schreibt: ‚was unseren Brutus angeht – scheußlich ! Aber so ist das Leben ! Doch lassen die beiden Damen scheint’s den nötigen Takt vermissen, dass sie sich darüber entzweien, wenn er beiden gerecht zu werden versucht’. Die Auseinandersetzungen waren also heftig und stadtbekannt.

Aus den 1 ½ Jahren der Ehe des räumlich getrennten Paares sind  viele Briefe von und an Brutus erhalten. Er zeigt sich als Familienmensch, der versucht, etwas für Familienmitglieder zu tun, auch wenn das der augenblicklichen politischen Konstellation nicht entspricht. So bei seiner Fürsprache für die Kinder seiner Schwester, die halt leider als Vater den geächteten politischen Feind Lepidus hatten. Porcia wird selten erwähnt. In einem Brief, wohl im Juni 43 an Atticus thematisiert er die Sorge um Porcia. Im gleichen Monat bekommt er einen Kondolenzbrief von Cicero, den man nur auf Porcia beziehen kann:’ … Worte des Trostes …Du hast einen schmerzlichen Verlust erlitten’. Die Echtheit ist umstritten. Aber es spricht einiges dafür, dass Porcia bereits zu Lebzeiten Brutus’ starb und der heroische Selbstmord eine Erfindung späterer Autoren ist. 

So war diese nur zwei Jahre dauernde Ehe einer ehrgeizigen, familienbewussten Frau und eines kariereorientierten Mannes, der zudem unter dem Einfluss seiner ehrgeizigen Mutter stand, insgesamt nicht so romantisch und harmonisch, wie es einige Quellen, wohl fußend auf dem Büchlein ihres Sohnes Bibulus, schildern      

Cato und die Frauen

Cato privat

Cato war Politiker, Censor und Schriftsteller im Republikanischen Rom zu Beginn des 2ten Jahrhunderts v.Chr. Viele seiner Werke gingen verloren, aber ein großer Teil seines Buches ‚Vom Landleben’ blieb erhalten.

Erhalten blieb auch sein Ruf als rigider, sittenstrenger Mann. Bezeichnend ist eine Szene, die sein Biograph Plutarch überliefert:

Cato stieß einen Senator aus dem Senat, weil er seine Frau am hellen Tage vor den Augen seiner Tochter geküsst hatte, und äußerte dabei, er selbst habe seine Frau nur bei heftigem Donner umarmt. Scherzeshalber fügte er noch bei, er sei glücklich, wenn Jupiter donnere.

Der Scherz wirkt etwas bemüht. Warum  ein ordentlicher Römer seine Frau nur bei Gewitter, küssen, umarmen, lieben darf, bleibt offen. Wie diese private Familienszene in den Aufgabenbereich des Censors gelangte, auch.Immerhin, Cato ist glücklich, wenn Jupiter donnert, wohl auch glücklich mit seiner Frau. In seinem Buch ‚Vom Landleben’ gibt er weiter Einblicke in sein Verhältnis zu Frauen und seine Einschätzung des männlich/weiblichen Rollenverhältnisses.

Cato’s Buch ‚Vom Landleben’ (De agri cultura)

Das Buch eröffnet  Einblicke in viele Facetten der Welt Catos und seiner Zeit. Unzählige Einzelheiten, wie angebaute Feldfrüchte, Küchenrezepte, medizinisches Vorgehen, abergläubige Vorstellungen werden beschrieben. Dabei sind die Schilderungen sachorientiert und knochentrocken. Auch die Menschen, die auf dem Gut arbeiten, und mit dem  uns anrührenden Wort ‚familia’ bezeichnet werden, werden ausschließlich praktisch gesehen. ‚Kleidung für das Gesinde’ wird an ‚Jährliches Futter für Rinder’ gereiht. Cato ist ausgesprochen filzig. Wird eine neue Tunika ausgegeben – nicht jedes Jahr, sondern  alle zwei Jahre – so wird das alte Stück eingefordert, um Flickmäntel daraus zu machen. Und er ist völlig unsentimental:  ein alter, d.h. nutzloser  Sklave soll genauso verkauft werden wie ein altes Eisengerät. Ein Unterschied zwischen Männern und Frauen wird hier nicht gemacht, da beide rein rationell betrachtet werden.

Etwas anderes ist allerdings der Hausherrn (pater familias, dominus) mit  seiner Frau (domina) und der Verwalter (vilicus) mit seiner Verwalterin (vilica).

Dominus und domina

Dem Hausherrn  ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Was wir dort über seine Pflichten erfahren, überrascht uns nicht. Er soll ohne Rast und Ruh’ die Arbeit überwachen, sich insbesondere nicht vom Verwalter betrügen lassen, die Rechnungen überprüfen, dafür sorgen, dass stetig geschafft wird.

Seine ehrenvollste Aufgabe ist es, den Schutzgott des Hauses, den larem familiarem zu verehren. Hier und an anderen Stellen im Buch  wird ausführlich beschrieben, welche kultischen Handlungen vom Hausherrn nötig sind, um das allgemeine Wohl und gelingen zu gewährleisten.

Und die Hausfrau ? Die Gattin ? Die domina ? Sie wird ab und an zusammen mit ihrem Mann erwähnt, als ‚dominus et domina’ aber im übrigen  findet sie nicht statt. Zweifellos hat der Pater familias doch eine Gattin, die er umarmen kann, wenn Jupiter donnert. Aber sie wird kaum  erwähnt. Sitzt sie funktionslos im Atrium herum und lässt sich bedienen? Verlässt sie gar die Stadtvilla nicht ? Wir wissen es nicht.

Vilicus und vilica

Anders ist es bei vilicus und vilica. Auch der Verwalter ist ein wichtiger Mann. Ein ganzes Kapitel  werden seinen Pflichten und Verhaltensweisen gewidmet. Verschiedene Aussagen werden zusammengetragen. Cato bringt praktische Ratschläge, wie ‚sieh zu, dass du einen großen Misthaufen hast’. Aber er thematisiert auch das Verhältnis zum Hausherrn: er soll sich nicht einbilden, klüger zu sein, als der Herr. Für das ihm unterstehenden Gesinde ist er verantwortlich: er soll es tüchtig mit Arbeit beschäftigen, dann wird es leichter von böser Tat ferngehalten. Seine Kultfähigkeit ist eingeschränkt. Nur eine kultische Handlung – ein Opfer am Compitalienfest – ist ihm gestattet.

In einem weiteren Kapiteln wird dann sein Verhältnis zur Verwalterin  beschrieben. Sie wird ihm vom Herrn zur Frau gegeben und damit soll er zufrieden sein. Natürlich ist er ihr übergeordnet und soll sich ihr gegenüber in Respekt setzen. Und damit sind  wir bei der vilica. Die Hausherrin wird kaum erwähnt, aber der vilica ist ein ganzes Kapitel gewidmet.

Ihre Pflichten umfassen die Sauberhaltung des Hauses, das Kochen für das Gesinde. Das verblüfft nicht. Es ist nur überraschend, dass man für diese Position eine Frau einsetzt, die statusmäßig deutlich über der restlichen familia steht. Aber – und das ist wirklich überraschend – sie hat kultische Ausgaben. Zwar, Opfer bringt sie  ohne Befehl des Herren oder der Herrin nicht dar, aber  sie schmückt an Festtagen den Herd mit einem Kranz und opfert dem Schutzgott des Hauses,  wie das auch der Hausherr tut. Der vilicus hat diese Recht nicht.

Und was dürfen wir dann lesen:  ‚Dass sie viele Hennen und Eier hat ! Getrocknete Birnen, Vogelbeeren, Feigen, Rosinen, Vogelbeeren in Most, Birnen, Trauben, Quitten…’  die Aufzählung geht noch weiter. Dies alles soll sie alljährlich sammeln und aufspeichern. Der sparsame Cato spricht nicht von möglichst viel verkaufen, nur das nötigste behalten, nein, alles sammeln und sorgsam aufspeichern.

Da sehe  ich einen kleinen römischen Jungen seinem strengen Lehrer  in die Küche entwischen, wo die vilica mit bemehlten Armen einen Teig knetet. Und sie gibt  dem kleinen Kerl zu naschen: Rosinen, getrocknete Birne, Feigen, Nüsse. Der kleine Junge behält diese Erinnerung und noch Jahrzehnte später fällt ein freundlicher Schimmer in seine knochentrockene, poesiearme Welt.